Mich macht an diesem Fall vor allem die Bereitschaft zur Menschenverachtung fassungslos. Eine Mitarbeiterin der Bildungsstätte Anne Frank erklärt auf TikTok einen antisemitischen Begriff. Darauf folgen nach Angaben der Einrichtung Beschimpfungen gegen sie und die Bildungsstätte. Selbst die Direktorin, deren Einrichtung sich täglich mit Antisemitismus beschäftigt, spricht von einer bislang nicht erlebten Menge und Härte. [1]

Es geht um „Goyslop“. Die Bildungsstätte beschreibt damit die antisemitische Vorstellung, jüdische Akteure würden absichtlich minderwertige Lebensmittel produzieren, um andere Menschen krank und gefügig zu machen. Sie ordnet das als Neuauflage der alten Brunnenvergifter-Erzählung ein. [2] Dass solche Vorstellungen heute über Ernährungsvideos verbreitet werden, macht sie keinen Millimeter weniger widerwärtig.

Die Bildungsstätte berichtet außerdem von Angriffen auf das Aussehen und das Körpergewicht ihrer Mitarbeiterin. In ihrer Mitteilung zitiert sie einen Influencer sogar mit dem Satz: „Fette sind keine Menschen“. [2] Man sollte diesen Satz einen Moment stehen lassen. Da wird Menschen wegen ihres Körpers das Menschsein abgesprochen. Wer so redet, erhebt sich zum Richter darüber, wem überhaupt noch Würde zusteht. Die Anmaßung daran ist abstoßend.

Über Lebensmittel, Zusatzstoffe und die Geschäftspraktiken großer Konzerne lässt sich streiten. Dafür kann man Belege vorlegen, Studien prüfen und konkrete Unternehmen kritisieren. Wer dafür Juden pauschal zu einer heimlichen Vergiftungsmacht erklärt, verbreitet ein antisemitisches Feindbild. Daran ändern ein Trainingsplan, ein sportlicher Körper und eine große Anhängerschaft überhaupt nichts.

Natürlich kann jemand einen Ausdruck aufschnappen, ohne seine Herkunft zu kennen. Genau deshalb gibt es Aufklärung. Eine Erklärung bietet die Gelegenheit, den eigenen Sprachgebrauch zu überprüfen. Wer darauf mit antisemitischen Beschimpfungen antwortet, trägt Verantwortung für diese Antwort. Die Ausrede vom gedankenlos übernommenen Internetwitz wird spätestens dort erbärmlich, wo die erklärende Person selbst zur Zielscheibe wird.

Was mich daran so wütend macht: Das Wissen wäre zugänglich. Über die Geschichte antisemitischer Verschwörungserzählungen kann man sich informieren. Die Folgen von Ausgrenzung und Entmenschlichung sind dokumentiert. Niemand muss erst einen akademischen Abschluss machen, um zu begreifen, was an der pauschalen Beschuldigung von Juden und der Herabwürdigung einer Frau verkommen ist. Ein Mindestmaß an Anstand reicht.

Die angegriffene Mitarbeiterin hat ein Recht darauf, ihren Beitrag zu veröffentlichen, ohne anschließend mit Hass überschüttet zu werden. Wer ihre Aussagen für falsch hält, kann sich mit diesen Aussagen auseinandersetzen. Angriffe auf ihren Körper beantworten keine einzige inhaltliche Frage. Sie zeigen lediglich, wie bereitwillig manche Menschen zur persönlichen Erniedrigung greifen, sobald ihre Überzeugungen angezweifelt werden.

Wer nach einer Erklärung antisemitischer Hetze zur nächsten antisemitischen Beschimpfung greift, hat seine Antwort gegeben. Wie beschämend diese Antwort ist, sollte ihm niemand schönreden.